RUDIGIERSIMONE
links oben
Auszüge aus dem Buch
Tür an Tür
Sonja
Sie wartet auf das Wasser für den Tee. Die Mutter schläft noch. Der Kochtopfdeckel wackelt. Der Wasserkocher ist letzte Woche leider kaputtgegangen. Sie sitzt am Tisch und lässt ihren Tee ziehen. Als sie den Teebeutel nach fünf Minuten in den Müllkübel unter der Spüle an der Wand links vom Küchenkästchen wirft, fällt ihr auf, dass man ihn raustragen muss. In den 12. Stock. Und sie fährt mit dem ruckelnden Lift nach oben, um dort den Müll runterzuwerfen und ihm zuzuhören, wie er langsam nach unten fliegt und aufschlägt auf einem Haufen aus Federn, duftenden Shampooflaschen und Teebeuteln. Sie fliegt mit dem Beutel nach unten – um dann ihre Augen wieder zu öffnen und sich darüber klar zu werden, dass das kein Rosenduft ist, der ihr da entgegenkommt, sondern der Gestank von Tampons, Konservendosen und faulendem Obst. Ob ihr das wohl fehlen wird? Sonja schleppt ihren Koffer durch die Schwingtüre der U-Bahn-Station. Vorbei an dem Zeitungsständer, der immer befüllt ist. Vorbei an den großen Schwingtüren, die immer offen gehalten werden, von den Menschen vor ihr. Ihr Unterarm brennt. Ihre Füße brennen. Ihr Kopf brennt. Aber die hohen Schuhe hatten keinen Platz mehr im Koffer. Und die alten Turnschuhe sollten dort bleiben, wo sie ihr bisheriges Leben verbracht hatte. In dieser Wohnung. Direkt neben den Weinflaschen, die sie am Abend vorher geleert hatten. Die U-Bahn ist vollgestopft. Wie immer. Sie ruckelt vor sich hin. Sonja hat drei Stationen zu fahren. Die dunklen Wände und die dunklen Kabel ziehen an ihr vorbei. Mit ihrem Oberkörper auf den Koffer gelehnt schließt sie ihre Augen. Sie waren in ihrem Lieblingsrestaurant, beim Inder um die Ecke, gestern. Um sich zu verabschieden. Inmitten dieser neuen, vertrauten Gesichter. Ihre Schützlinge des letzten Studienjahrs. Jeder lächelt herzlich. Jeder erzählt herzlich seine Geschichte. Die Version der Geschichte, die passt. Jeder erlaubt einen Einblick durch einSchaufenster. Nicht mehr. Nicht weniger. So wird es auch sein, wenn sie in der neuen Stadt ankommt. So wird es auch sein, wenn sie sich vorstellt. Den neuen vertrauten Gesichtern. In der fremden Stadt. Wo sie auch ein indisches Lokal finden wird, in dem sie ihre Willkommensfeier abhalten wollen wird. Voll erschöpfter Erwartung.
Viktor
Er blickt kurz hinunter. Auf das kleine Mädchen. Seine kleine Sonja, mit dem langen, braunen Haar. Ohne jegliche Rundung. Lang. Glatt. Glänzend. Die kleinen Tropfen, die der Wind vom See an das sandige Ufer trägt, verfangen sich in ihren Haaren und perlen langsam ab, Richtung Boden. Er lächelt sie an. Etwas verunsichert ob seiner eigenen Ratlosigkeit zieht er den Gurt seines Gewehrs strammer über die Schulter. Sie schweigt und starrt zu Boden. Der Sand ist leicht feucht und bleibt an ihren Schuhen kleben. Er zieht ihr die Mütze etwas fester über den Kopf. Sie solle sich nicht erkälten, im kalten Wind. Er habe eine Überraschung für sie. Sie strahlt ihn an und drückt seine Hand und zieht ihre Unterlippe leicht nach innen. Um daran zu kauen und ihre Worte dahinter zu verstecken. Die Mutter hat sie gerügt. Sie solle nicht immer so neugierig sein. Also will sie ein braves Mädchen sein. Besonders bei Onkel Viktor. Den sie ohnehin nicht so oft besuchen darf, wie sie eigentlich möchte. Obwohl er direkt nebenan wohnt. Aber die Mutter mag es nicht. Er erwidert den Druck ihrer Hand. Ganz vorsichtig. Sie kommen zur kleinen Hütte, in der er alle Wochenenden verbringt. Um der Stadt mit ihren vielen Leitungen zu entkommen, die wie schwarze Strähnen den Blick auf den Himmel verwehren. Ein Käfig, sein Käfig. Mit der kleinen Wohnung, angefüllt mit vielen kleinen Gedanken. Und den vielen langen, braunen Haaren. Überall. Er führt sie zum hinteren Teil des Schuppens. Sie wisse doch, was sie dieses Wochenende machen würden, hier am See? Ja. Er sei doch hier, um Wildgänse zu schießen. Genau. Er pfeift seinen jahrelang erprobten Gänseschrei. Sie muss lachen. Und was mache man, wenn man da oben am Himmel fliegt, ganz allein und der Wind weint und man nicht weiß, wohin? „Man sucht seine Mama?“ Sein Mund ist trocken. Dieser kalte Wind.
Elena
Sie schwebt durch die Tiefen des betonierten und trockengelegten Moores unter den Prachtbauten hinweg. Sie gleitet, umrundet von Betonwänden, wie eine Schlange durch die Dunkelheit. Von Schwärze umgeben strahlt sie selbst Licht aus, das ihr nicht nur ihren Weg zeigt, sondern ihren Fahrgästen ein Gefühl von Sicherheit vermittelt. Die Sicherheit, sich nicht um den Weg kümmern zu müssen, sondern sich einfach den eigenen Gedanken hingeben zu können. Und das tun sie auch. Nur das Rauschen der vorbeiziehenden, stickigen Luft, die aufschreit ob der plötzlichen Veränderung der Druckverhältnisse durch das metallene Ungetüm. Nur dieses Rauschen erinnert daran, dass sie sich vorwärtsbewegen. Sie gibt die Sicherheit, dass niemand mit ihnen spricht, weil es ohnehin zu laut ist. Also starren sie vor sich hin. Geborgen und gefangen in ihrer eigenen Welt. Eine Station wird erreicht und ein Mann mit Plastiksack und Saxofon steigt hastig ein. Denn geduldig ist die Schlange nicht. Nur wenn sie sich erneut ihren Weg bahnt, kann sie in ihrer Bewegung ruhen. Er steigt ein und beginnt zu spielen. Zunächst leise, dann immer lauter, um gegen das Rauschen anzukämpfen. Es gelingt ihm. Ein kleines Mädchen blickt unter ihrer roten Mütze auf zu ihm und zerrt am Mantel der Mutter, ohne ihren Blick von ihm abzuwenden. Kurz irritiert versteht diese schnell und lächelt. Wie eine kleine Flamme geht dieses Lächeln durch den Waggon und schafft es sogar, einige Gesichter anzustecken. Wenn auch nicht zu einem Lächeln, so doch zu einem kurzen, verstohlenen Blick, einer schlichten Kenntnisnahme. Die nächste Station kommt näher und der Musiker setzt sein Instrument ab und geht eine gemächliche Runde durch den Waggon mit seiner Plastiktasche in der linken Hand, die vorsichtig knapp vor den Knien der Passagiere vorbeizieht. Ohne Erwartung oder Forderung. Und auch wenn man es nicht hört, fliegen Münzen hinein. Als ob sie ganz selbstverständlich genau für diesen Zweck die ganze Zeit über in den Taschen der Leute auf genau diesen Moment gewartet hätten. Elena ist auf dem Weg nach Hause. Um noch ein letztes Glas Sekt zu trinken vor Sonjas Abreise am nächsten Morgen. Um ihr noch ein letztes Mal die Geschichten aus ihrem Notizbuch des heutigen Tages vorzulesen. Zukünftig wird sie das über Skype machen müssen.
Sonja
Der Regen schlägt gegen die Fenster. Und die sind so angenehm kühl. In diesem überhitzten Bus, vollgestopft mit Menschen, die nur darauf warten, ihre dicken Wintermäntel wieder an die kühle Außenwelt tragen zu können. Vorbei an der Kirche, mit den Bäumen auf dem Dach und einem Schild auf der Absperrung vor dem Eingang, dass Christus lebt. Die Kirche mit den Bäumen am Dach und den verblassten Farben, die ahnen lassen, wie prächtig sie einst war, prächtiger vielleicht als alle anderen Kathedralen der Stadt. Bei diesem Überangebot verliert man leicht den Überblick. Sie schließt ihre Augen, um die Farben zu sehen, um die Sonne hinter der Kuppel, hinter den Bäumen zu erahnen. Und es wird hell. Und sie wundert sich. Und sie blickt erschrocken aus dem Fenster. Ist das jetzt tatsächlich die Sonne? Nein. Nur ein Flutlicht über einem Auto mit Schauspielern. Vermutlich ein Dreh für einen Werbespot. Und die Tropfen auf dem Fenster ziehen dem Licht entgegen, als der Bus daran vorbeifährt. Sie schließt die Augen wieder und stellt sich vor, mit den Tauben schlafen zu gehen. Zumindest bis sie beim Flughafen ihren Koffer zur Abgabe zerren muss und sich schweißgebadet im Gatebereich in einen von den vielen Plastiksesseln fallen lässt. Und wartet. Mit geschlossenen Augen. In Tieforange gehüllt.