RUDIGIERSIMONE
links oben
Auszüge aus dem Buch
Komm gut nach Hause
Johannes

J: Ob er sich setzen dürfe.
M: Sie könne ja schließlich nicht wirklich etwas dagegen tun.
J: Ob sie sich noch an ihn erinnere.
M: Der einzige Mensch in einer Meute von Wissenschaftlern, der einigermaßen ihrem Alter entspreche beziehungsweise nicht bereits vorzeitig gealtert sei, an den müsse man sich irgendwie erinnern. Martina.
J: Johannes. Würde sie ihm bei einem Bier Gesellschaft leisten?
M: Natürlich. Warum nicht. Es wäre für sie ohnehin Zeit für ein Bier. Ob ihm bewusst sei, dass er zwei unterschiedliche Socken trage.
J: Natürlich. Warum auch nicht. Das Zusammensuchen von Socken sei mühsam und koste nur sinnlos Zeit. Und er lasse sich bestimmt nicht von einer stupiden gesellschaftlichen Konvention Zeit stehlen.
M: Aber es gebe doch noch andere Möglichkeiten, dieses Dilemma zu lösen. Sie müsse ihm in Hinblick auf den sinnlosen Zeitverlust absolut zustimmen. Aber sie habe eine einfachere Lösung für sich entdeckt: Sie kaufe einfach immer ein und dieselbe Sockenfarbe.
J: Aber das laufe ja der ganzen Idee zuwider, der gesellschaftlichen Konvention eins auszuwischen.
M: Solange nur er das wisse, bleibe es konventionskonform. Eine Revolution, die im Stillen verhallt.

Martina

M: Sie könne das nicht machen. Sie habe Angst davor, sich in ihm zu verlieren. Dabei habe sie sich doch gerade erst selbst kennengelernt. Und er habe ernsthaft geglaubt, sie zu kennen? Man kann einen Menschen aber nie ganz verstehen, und der Glaube, dass man das irgendwann schaffen könne sei naiv. Wir seien im Prinzip immer alleine mit uns selbst und könnten nur versuchen unsere Fremdwahrnehmung so zu beeinflussen, dass wir unseren Vorstellungen von dem Menschen, der wir gern wären, gerecht würden. Und um die Beziehungen zu unseren Mitmenschen damit so zu lenken, dass wir unsere Ziele erreichen. Auch eine freundschaftliche Beziehung könne ein solches Ziel darstellen. Sie habe sich sogar schon Bergschuhe gekauft.
J: Warum habe sie sich Bergschuhe gekauft?
M: Er wollte doch mit ihr auf den Berg gehen.
J: Aber sie hasse doch Wandern. Also richtiges Wandern.
M: Ja, sie hasse es. Furchtbar, wozu einen Männer treiben können.
J: Wohl eher furchtbar, wie verzweifelt sie offenbar sein müsse. Ihm sei nie bewusst gewesen, wie schlecht es in dieser Hinsicht um sie stehe. Nähe um jeden Preis, auch wenn sie dann erst recht wieder davonlaufen würde. Dieses Anpassen. Mühsam.
M: „Ach lass mich in Ruhe.“ Ab einem gewissen Alter sei man einfach nicht mehr beziehungsfähig. Man könne sich zwar perfekt verstellen und eine Rolle annehmen, verlerne aber, in einer Beziehung man selbst zu sein bleiben. Naja, vielleicht habe es auch nichts mit dem Alter zu tun, sondern mit dem Erfahrungsstand.
Martina zieht plötzlich ihre Jacke aus und steigt auf die Metallstange und hinüber auf die Mauer, die geradewegs vom Berg hinunter in die Stadt führt. Sie streift sich auch den Pullover über den Kopf und wirft ihn ihm entgegen. So steht sie da und breitet ihre Arme aus.