RUDIGIERSIMONE
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Auszüge aus dem Buch
Das Buch mit allen Wörtern drin
Paul
Wolken. Sonne. Blatt. Baum. Baumrinde. Bemooste Baumrinde. Kies. Paul wandert mit seinen kleinen Füßen durch die zu großen Schuhe und sucht sich seinen Weg die steile Straße hinauf Richtung Kirche über den unbefestigten Weg. Und benennt alles. Wie er es immer macht, wenn er alleine ist. Für sich. Leise vor sich hin murmelnd. Immer auf der Hut. Sonst setzt es vielleicht etwas vom Vater, wenn der die Wörter hört. All diese Wörter, die der Bub im Kopf hat. Die er zuordnen will. Dinge benennen. Das lässt ihn die Feldarbeit, die Schule, die Geschwister und seine Wege in den viel zu großen Schuhen überwinden. Dem alten Nachbarn der Tante auf der Bank unter dem Marillenbaum ist das aber egal. Der hört ohnehin nichts mehr, denkt sich der Paul. Und selbst wenn, schläft der die halbe Zeit. Da kann man sich etwas mehr trauen. Etwas lauter benennen. Das hat der Paul irgendwie im Gefühl. Das Gefühl, das mit jedem Ding, dessen Namen er findet, er ein bisschen stärker wird. Eine Welt erschafft, die er fassen kann. Die real wird, durch die Namen der Dinge. Durch die Geschichten. All die Geschichten, die sich hinter den faulenden Zähnen der Menschen im Dorf verstecken. Hinter Rosenkränzen und Floskeln. Er will sie hören. Er will sie sehen. Um sich herum. Die schönen, die schlechten – alles, was ihm durch den Kopf geht, während er den vielen scheinbar belanglosen Dingen nachgeht. Und der alte Mann unter dem Marillenbaum sieht den Jungen. Und er versteckt ein Buch für ihn. Ein Buch, das er eigentlich irgendwann seinem Enkel, dem Ludwig, schenken wollte. Der hat aber nur die Tiere und die Bäume im Sinn. Glaubt er zumindest. Alles, was sich bewegt, wächst – was lebt. In der Wirklichkeit. Für den Paul lebt aber alles. Der hat seine eigene Wirklichkeit. Deswegen musste er auch nicht lange nach dem Buch suchen, das der alte Mann für ihn versteckt hatte. Es konnte nur er finden. Weil nur er mit einem offenen Blick die Straße auf und ab ging. Und nur er die Äpfel der Großmutter nebenan, die selbst keine Äpfel mehr erntete, ausliest. Die guten für die alte Dame, die schlechten für die Schweine. Und da, zwischen den vielen gelbbraunen Äpfeln lag es. Das Buch mit allen Wörtern drin. Wie es wohl hierher kam?, denkt sich der Paul. Er steckt es ein. Und nimmt es nur zum Lesen heraus.
Richard
Gleichmäßiges Klopfen, das ihn eigentlich schläfrig machen sollte. Aber stattdessen weckt es ihn. Weil er nicht damit gerechnet hat, dass es nach so vielen schönen Tagen wieder regnet. Und er hat sich doch so auf seine Ausfahrt heute gefreut. Die vielen Kurven, die ihn zu seinem Zufluchtsort bringen. Auf das Fett der Fritteuse, das Geschrei der Köche und die vielen verschiedenen Sprachen, die ihn umgeben, während er dort oben am Pass seine Teller durch die Menschenmenge balanciert. All die Menschen, die ihn vorfahren sehen. Er war zuerst etwas skeptisch gewesen, ob es wirklich dieses Auto sein sollte. Schließlich war er doch den unzerstörbaren Lada gewöhnt, der so viel ausgehalten hatte. Aber dieser Unfall, als es ihn bei der Fahrt durch den Wald aus dem Fenster geworfen hatte und sein erstes eigenes Auto viele Meter in die Tiefe gestürzt war, um irgendwo dort unten zu verrotten, der war dann doch zu viel gewesen. Also hatte er sich für ein Auto entschieden, dass ihn etwas zurückhalten sollte. Und er hat ihn langsam, aber sicher lieben gelernt, seinen kleinen Beetle. Seinen hellblauen Schatz, der auch für sie der Grund gewesen war, ihn anzusprechen, als er zu Anfang der Saison bei ihnen im Restaurant an der Grenze angefangen hatte zu arbeiten. Die Bezahlung bei seiner Lehrstelle entsprach einfach nicht seinem Lebensstil, seiner ganzen Lebenssituation. Also musste etwas mehr Geld her. Irgendwie. Und was könnte dafür besser geeignet sein als dieser Ort ohne Zugehörigkeit. Arbeit war genug da. Da musste er jetzt einfach durch. Seine Fahrten in die Stadt waren dann gut, um so richtig auszuschlafen. Wenn da nur nicht der Paul mit seinen ewigen Fahrten wäre. Und die Mutter, die immer darauf besteht, dass ihr Ziehbruder schließlich so etwas wie sein Vater sei und er ihm gefälligst nicht widersprechen dürfe. Vaterersatz. Als ob es möglich wäre, den Vater zu ersetzen. Aber der Paul drängt sich nicht auf. Er fragt nach. Und eben diese Gleichgültigkeit, dieses „Ich bin nicht von dir abhängig“ ist genau das, was er so schätzt an ihm. Es geht die Welt nicht unter, wenn er es einmal nicht schafft, den Käse auszuliefern, sie dreht sich weiter. Nicht wie die Welt der Mutter, die bleibt stehen, wenn er einmal keine Zeit für ihre Ausfahrten hat. Er hat heute wieder neben dem Apfelbaum geparkt, steigt ein und lässt den Hof hinter sich.
Christine
Keinen Mann anlächeln. Blick gesenkt halten. Und einfach den Herzschlag überhören, wenn man den eigenen Schatten hinter sich erblickt. Stets wachsam sein. So funktioniert die Christine. So kommt sie durchs Leben und so verliert sie niemals die Kontrolle. Nur mit der Gitarre im Arm ist das anders. Da kontrolliert sie die Saiten, die Schwingungen, diese kleinen Beben, die ihren ganzen Körper aufschütteln und ihre Gedanken zur Ruhe kommen lassen. Mit der Gitarre am Schoß ist alles einfacher. Deswegen nimmt sie die Gitarre auch immer zu Ausflügen oder Feiern mit. Alkohol hilft bei ihr nichts. Da muss sie sich einfach nur übergeben. Das muss sie nicht öfter austesten. Zweimal reicht. Aber wenn sie Musik macht, steht nicht sie im Mittelpunkt, sondern die Musik. Und es starrt nicht jeder auf ihren Körper, sondern auf ihre Hände an der Gitarre und ihr Gesicht, das sich über Mimik versucht einzufühlen. Denn die Augen bleiben dabei geschlossen. Dass alles nur sie und die Gitarre ist. Alles. Dass sie diese Blicke, derer sie sich bewusst ist, so einfach nicht sehen muss. So hatte sie es auch bei der Vereinsfeier im Sommer gemacht, bei der auch Richard war. Bei dem das mit dem Alkohol sehr gut funktionierte, der den aber nicht brauchte, um sich gut unterhalten zu können. Ihm war bewusst, dass er nicht mit einer Gitarre überzeugen müsse. Und er scherte sich nicht darum. Aber so, wie sich die Christine mit der Gitarre ausdrückte, da konnte er nicht wegschauen. Und er wusste, dass sie ihn nicht sehen würde. Dass sie nur die Gitarre sieht, wenn sie musiziert. Er sah das Beben, das sie umgab und wollte nichts mehr, als Teil dieses Beben zu sein. Also trat er vor sie, ließ sie ihr Lied beenden, reichte ihr die eine Hand und ließ mit der anderen die Gitarre in die Wiese gleiten und sie um das Lagerfeuer schweben in seinen Armen, die ganz genau wussten, wie weit sie gehen durften. Die sie nicht kontrollieren musste, weil sie verstanden. Weil sie sich in seine Arme fallen lassen konnte. Und sie wirbelten um das Lagerfeuer und sahen die Blicke nicht. Und sie wirbelten durch ihre Elternhäuser, durch fremde Länder bis hin zum Ja-Wort vor dem Altar. Und sie sollten diese Momente nie verlieren. Das glaubte Christine. Das glaubte Richard. Und wenn sie in ihren Armen lagen, dann wussten sie es.
Josefine
Weil sie das Gefühl hat, die Berge schließen sich über ihr, hat sie gesagt, die Mutter. Weil die Nächte so lang und die Tage so bewölkt sind. Dass mit jedem Tag die Berge sich ein bisschen mehr schließen. Und sie eigentlich rauf müsste, da auf die Berge. Aber es nicht schafft. Und er reist durch die Welt, kommt nach Hause und erzählt und sie sitzt mit ihrem Kind im Wohnzimmer und hört das Knistern des Kachelofens. Und das Rauschen des Windes – tagein, tagaus, hat sie gesagt, die Mutter. Josefine hat ihr schmerzverzerrtes Gesicht nicht gesehen. Nur, wenn sie aus dem Fenster blickt und dabei vor sich hin träumt entspannen sich ihre Züge. „Wie wäre es denn mit diesem Mann, der gerade vorbeigeht? Was meinst du Josefine? Der wäre doch bestimmt ein guter Mann.“ Josefine sagt nichts. Sitzt am Boden. Und erzählt sich eine Geschichte. Und die Mutter sitzt da und langsam wandert etwas in ihr hoch. Ganz langsam. Und an diesem Tag muss es sich einfach wieder entladen. Wie die Batterien, in Josefines Spieluhr, die sie schon immer hatte. Oder das Fell von ihrer Katze, wenn man sie ganz fest mit einem Handtuch reibt. Aber Josefine sieht nicht, wie sich das Gesicht der Mutter entlädt. Sie bleibt hinter der verschlossenen Türe. Wenn sie jetzt hinaus gehen würde, würde die Mutter sofort schweigen, und sie auf den Arm nehmen, ihr den Rücken tätscheln und hinter vorgehaltenen Tränen fragen, was ihr kleines Mädchen denn gern zu Abend essen möchte. Und Josefine würde spüren, wie sie innerlich bebt. Und Josefine hat Angst davor, dass die Mutter sie dann erdrücken würde. So wie sie Vater in das Sofa drückt. Bis er nicht mehr aufstehen kann, um sie davon abzuhalten, das Haus zu verlassen. Und Josefine sitzt da und sieht, wie ihr Vater weint. Er nimmt sie auf den Schoß, umschließt ihre Wangen, küsst sie auf die Stirn und umarmt sie. Und erklärt ihr, dass alles gut wird. Und sie spürt wie er innerlich bebt. Josefine bewegt sich nicht. Sie steht still. Sie versucht das Beben zu bändigen. Ihm keinen Spielraum zu geben und drückt den Vater zurück, so fest sie kann. Und langsam versiegen die Tränen des Vaters und sie sitzen Arm in Arm am Sofa. Mit geschlossenen Augen. Bis doch hoffentlich die Mutter wieder zurück kommen möge.