RUDIGIERSIMONE
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Kurzgeschichte
Zwischenstation
Zwischenstation

Taub. Alles an ihr ist taub. In erster Linie ihre Hände. Sie hat ihre Handschuhe im Pub vergessen. Schon wieder. Aber das ist gerade nicht ihr größtes Problem. Sich auf den Beinen zu halten ist schwerer. Sie hat die Abschlussprüfungen geschafft. Vermutlich. Sie will nicht darüber nachdenken, was passieren könnte, falls sie nicht bestanden hat. Sie will auch nicht darüber nachdenken, was passieren könnte, falls sie es nicht mehr nach Hause schafft.

Die Metrostation liegt vier Minuten unter der Oberfläche. Vier Minuten Rolltreppe und zwei Minuten Gehzeit. Getragen von der Menge, lässt sie sich leiten. Leiten in den letzten Zug des Tages, der sie ein Stück näher bringt. Näher an ihr Ziel. Zwischenstation Metro. Die Menschen drängen sich durch die Türen, die sich ruckartig wieder schließen, obwohl bei weitem noch nicht alle Leute ihren Weg in das Gefährt gefunden haben. Mit der rechten Hand versucht sie sich zu halten. Zwei Stunden wird sie so dort stehen. Getragen vom leichten Schaukeln. Alle Leute werden die Augen schließen. Das Dröhnen der alten Metalltore im viel zu knapp bemessenen Tunnel wird sie aber wach halten. Für die zwei Stunden ihrer ersten Etappe.

Anders der Bus, der sie ruckartig über die holprigen Straßen befördert. Rückartig. Aber der Lärm fehlt. Und die wohlige Wärme ihres Mantels umschließt sie, selbst wenn ihr Atem eine andere Außentemperatur vermuten lässt. Diese kalte Luft beruhigt aber. Beruhigt wesentlich mehr als die fauligen Ausdünstungen ihrer Stehgenossen in der Metro. Also lässt sie sich beruhigen und schläft ein.

Der Bus ruckelt nicht mehr. Nichts bewegt sich. Alle Lichter sind aus. Sie hat es verpasst. Ihr Ziel. Endlich anzukommen. Nach all den Stunden. All den sinnlos verbrachten Stunden. Sie starrt auf die Fensterscheibe links von ihr, die ihr Halt gegeben hätte. Die Fensterscheibe, durch die die Lichter der Busendstation durchscheinen. Niemand mehr umgibt sie. Sie schließt wieder ihre Augen. Es ist zu früh, um über morgen nachzudenken.

Aber es lässt sich nicht abstellen. Dieses Nachdenken. Es will einfach nicht aufhören. Sie rückt auf ihrem Sitz hin und her und hin und her und ein plötzliches Bellen reißt sie aus ihren Gedanken. Ein eigenartiges Bellen, das nicht wirklich Angst einflößt, sondern eher an den heißeren Schrei eines halbwüchsigen blonden Mädchens erinnert. Mit ihrem Handy leuchtet sie auf die vorderen und hinteren Sitze und findet es. Das kleine Hündchen in der Handtasche, das offensichtlich jemand vergessen hatte. Doch anders wie sie, schreit es um sein Leben. Weil es friert. Weil es nicht aus der Tasche kann und sich vermutlich sogar schon darin erleichtert hat. Sie streichelt dem kleinen Köter über seinen Kopf und nach einigen Minuten hört er auf zu zittern und gemeinsam sitzen sie dort, in dem Bus und atmen von ganzem Herzen einmal aus. Zwischenstation Busterminal.