RUDIGIERSIMONE
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Kurzgeschichte
spätestens gestern
spätestens gestern

Wattefetzen. Haushohe Wattefetzen, die sich auflösen und durchsichtig werden. Um sich im Wind wieder zusammenzufinden und Kanten zu bilden. Und sie ziehen über den Fluss. Und er sitzt bereits in der Vorlesung. Seit Punkt neun Uhr. Nach einer halbstündigen Busfahrt. In seinem Vormittagsseminar für heute. Und er sitzt da, vor der schrulligen Professorin mit runder Brille und strengem zurückgebundenem Haar, die ihm erklärt, wie er zu sprechen habe. In dieser fremden Sprache. Und weshalb es unabdingbar sei, die Hausübung abzugeben. Ob er sich die nicht aufschreibe. Ja, doch. Er schreibe sie sich auf. Direkt da, vor sich. In seinen Laptop.

Mit dem Wind im Rücken zieht es ihn Richtung Sportzentrum. Und er begegnet Emma. Weil sie zur selben Zeit aus hat wie er. Mit der er dann am Freitag auf ein Bier gehen wird. Weil sie mit ihm reden müsse. Über seinen neuen Haarschnitt, den sie ihm machen dürfe. Was er ihr versprochen habe. Ob er sich das nicht aufschreibe. Ja, doch. Direkt da, vor sich. Und er lächelt und geht weiter und steht vor der Kletterwand. Genau zwei Stunden lang. Er darf sich keine Verzögerung erlauben. Denn um Punkt vier wartet Jonas. Am Burgerlokal. Und dort essen sie gemeinsam. Um dann Richtung Wohnung retour zu gehen. Zu Fuß. Wie sie das jeden Dienstag machen. Und umgeben von dichten Wattefetzen gehen die Füße ihrer Wege. Genau ein einhalb Stunden lang. Zu Hause angekommen bleiben ihm eine halbe und eine obligatorische akademische Viertel Stunde, um sich zu duschen. Und aufzuräumen. Bevor dann Louise kommt. Die dann bleibt. Und die er dann irgendwie in der Früh wieder ohne Frühstück gehen lassen wird müssen. Denn in aller Früh muss er zum Zug. Denn da ist ja dieses Bewerbungsgespräch.

Wattefetzen. Haushohe Wattefetzen, die sich immer wieder auflösen und durchsichtig werden, nur, um die grauen Fassaden der Hochhäuser vor seinem Zimmerfenster wieder zum Vorschein kommen zu lassen. Die Lüftung seines Laptops macht sich bemerkbar. Er schreckt kurz auf. Seine Oberschenkel haben sich bereits durch die Bettdecke hindurch erwärmt. Es wird Zeit schlafen zu gehen. Morgen wird er dann aufwachen. Und spätestens gestern an alles erinnert werden.