RUDIGIERSIMONE
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Kurzgeschichte
Der Tag danach
Der Tag danach

Die Sonne steht tief unter den hohen Gebäuden der Stadt. Bedrohlich dunkel wenden sie ihren Blick zu den breiten Straßen, gehüllt in einen orangen Mantel. Er muss sich auf den Weg machen. Wie jeden Tag. In die Hinterhöfe. Wo die kleinen Durchgänge und Eingänge sind. Vielleicht lässt sich etwas finden. Aber er hört nur seine Schritte. Die Türen sind verschlossen. Die Sonne taucht die Stadt in ein immer satteres orangerot, das sich bald in ein blauschwarz verdrehen wird.

Über ihm sitzt eine Taube auf der Metallstange. Direkt unter dem Bogen des Durchganges. Sie gurrt und fliegt Richtung Dach. Zu dem Fenster dort oben. Das in den Dachboden führt. Wo offensichtlich niemand wohnt. Aber es doch irgendwie warm ist. Von den überheizten Wohnungen darunter. Gelächter dringt aus den Zimmern zu ihm in den Hof. Und sie fliegt hinauf. Gurrt und huscht hinein. Er will zu ihr. Er will hoch hinaus. Doch alle Wege sind versperrt. Alle Eingänge verschlossen. Er verlässt den Hinterhof. Richtung U-Bahn Station. Er kennt da wen. Der ihm helfen könnte. Hinein zu kommen. Zu dem Ständer, in dem untertags die Zeitungen aufliegen. Zur freien Entnahme. Direkt über dem Heizungsschacht.

Er schläft erschöpft im Sitzen ein. Wie die Tauben auch. Und er wird geweckt. Vom Zeitungsmann. Am Tag danach. Die Gratiszeitungen füllen seinen Platz hinter ihm. Und er tritt aus der Station hinaus. Um ihr die Türe aufzuhalten. Ohne, dass sie ihn sieht. Ohne, dass sie ihn riecht.

Sie schleppt ihren Koffer durch die Schwingtüre der U-Bahn Station. Vorbei an dem Zeitungsständer. Der immer befüllt ist. Vorbei an den großen Schwingtüren. Die immer aufgehalten werden von den Menschen vor ihr. Ihr Unterarm brennt. Ihre Füße brennen. Ihr Kopf brennt. Aber die Schuhe hatten keinen Platz mehr im Koffer. Und die alten sollten dort bleiben. Dort, wo sie das vergangene Jahr ihres Lebens verbracht hatte. In dieser Wohnung. Direkt neben den Weinflaschen. Die sie am Abend vorher geleert hatten.

Ob sie einen Tee trinken wolle.
Gerne.
Einen letzten Tee. Sie beide. Ohne die ganzen anderen Leute.
Ob sie sich bereits freue, auf ihren neuen Job.
Natürlich.
Ob er schon wisse, wohin es ihn verschlagen würde.
Nein. Aber er würde sich sicher schnell einleben. Egal wohin es gehen werde.
Bestimmt.

Die U-Bahn ist vollgestopft. Wie jeden Tag. Und sie ruckelt vor sich hin. Sie hat drei Stationen zu fahren. Und die dunklen Wände und die dunklen Kabel ziehen unerkenntlich schnell an ihr vorbei. Mit ihrem Oberkörper auf den Koffer gelehnt schließt sie ihre Augen. Sie waren in ihrem Lieblingsrestaurant. Gestern. Beim Inder um die Ecke. Um sich zu verabschieden. Inmitten dieser neuen, vertrauten Gesichtern.

Jeder lächelt herzlich. Jeder erzählt herzlich seine Geschichte. Die Version der Geschichte, die passt. Jeder erlaubt einen Einblick. Wie durch ein Schaufenster. Nicht mehr. Nicht weniger. So wird es auch sein, wenn sie ankommt. In der neuen Stadt. So wird es auch sein, wenn sie sich vorstellt. Den neuen, vertrauten Gesichtern. Wo sie auch ein indisches Lokal finden wird. In dem sie ihre Willkommensfeier abhalten wird wollen. Voller erschöpfter Erwartung.

Mit Schweißperlen auf der Stirn zieht es sie weiter aus der Stadt. Im Bus. Den Koffer eingekeilt zwischen zwei Sitzen, neben ihr auf dem Boden. Vorbei am großen Platz mit der großen Statue, die ihr sagt, dass sie die Stadt nun verlassen wird. Hinaus in das Industrieviertel. Sie greift in ihre Tasche, um eine Flasche Wasser heraus zu holen. Vor einem Jahr war sie hier das letzte Mal entlanggefahren. Und hat die Stadt zum ersten Mal betrachtet. Durch die Scheiben des Buses. Ihr steht alles offen. Die Welt liegt vor ihr. Ihr Leben liegt vor ihr.