RUDIGIERSIMONE
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Kurzgeschichte
Bahnsteigsitzen
Bahnsteigsitzen

Sie reibt sich ihre Augen. Sie brennen von der vielen Arbeit vor dem Computer. Mit dem Kopf leicht in den Nacken gelehnt, sieht sie die Wolken über sich an der Decke. Wieder kurz die Augen reiben. Er begrüßt sie. Mit einem leicht zurückhaltenden Ton in der Stimme, aber einem umso herzlicheren Strahlen in den Augen. Er braucht noch einen Moment. Einmal nach Rechts und nach Links gerückt auf seinem Stuhl. Einmal mit der linken Hand über den vorderen Part seiner Haare. Noch einen kurzen Blick auf die Umgebung unmittelbar vor ihm und dann ist er bereit. Bereit sie zu fragen, was es Neues gibt.

Sie hatte heute einen langen Tag. Und wieder so vieles scheinbar Unmögliches erlebt. Was sie selber kaum fassen kann. So viele Dinge, die erst real werden, wenn sie sie ausspricht. Wenn Sie in seine Augen blickt und sie ihm mitteilt. So wie jeden Tag. Auch wenn sie eigentlich nur schlafen möchte. Aber sie kann nicht. Der Tag ist nicht fertig. Nicht ohne die Zeit, in der sie neben sich sitzt. Mit ihm. Und darauf wartet, in den Schlaf geschaukelt zu werden.

Sie sitzen da. Sie reden. Unter sich spürt sie den harten, grauen Boden und spielt mit ihren Zehen. Und jedes Mal, wenn sie über etwas nachdenkt, was er gesagt hat. Etwas Neues. Etwas, das sie so noch nie in Betracht gezogen hätte, streckt sie ihre Beine ganz kurz aus, setzt sich auf ihre Hände und beobachtet für einen Moment ihre Zehen die sich im Rhythmus ihres Herzschlages auf und ab bewegen.

Sie hören die Sirenen des Zuges tönen und den Wasserdampf mit dem leichten Geruch von Holzrauch im Wind näher kommen. Die Sonne ist bereits untergegangen. Sie kann ihre Augen nicht mehr halten. Der Zug hält an. Und er gibt ihr noch etwas mit. Ein kleines Paket. Vermutlich eine Geschichte. Sie kann es aber nicht sicher sagen. Es ist versteckt. Verborgen, hinter einer Schicht von altem Zeitungspapier. Sie nimmt es an sich. Für die Reise. Für die Reise in den nächsten Tag. Sie möchte es am liebsten gleich aufreißen und verschlingen. Gierig, wie einen Schokoladenkuchen. Sie möchte es so gern wissen. Aber sie darf es erst aufmachen, wenn sie angekommen ist. So wie jeden Abend. Ein letzter Blick auf sein Abbild. Ein letztes Lächeln. Eine letzte Armbewegung, um den Laptop zuzuklappen. Und er tritt einen Schritt zurück. Und blickt dem abfahrenden Zug nach. Um dort wieder auf sie zu warten. Hinter einer Schicht von altem Zeitungspapier. Um sie in den Arm zu schließen und sie mit seinem geräuschlosen Atem in ihrem Nacken willkommen zu heißen. In der Geschichte ihres Tages.