Martina

M: Sie könne das nicht machen. Sie habe Angst davor, sich in ihm zu verlieren. Dabei habe sie sich doch gerade erst selbst kennengelernt. Und er habe ernsthaft geglaubt sie zu kennen. Man kann einen Menschen aber nie ganz verstehen und den Glauben, dass man das irgendwann schaffen könne sei naiv. Wir seien im Prinzip immer alleine mit uns selbst und können nur versuchen unsere Fremdwahrnehmung so zu beeinflussen, dass wir unseren Vorstellungen von dem Menschen, der wir gern wären, gerecht würden. Und um die Beziehungen zu unseren Menschen damit so zu lenken, dass wir unsere Ziele erreichen. Auch eine freundschaftliche Beziehung könne ein solches Ziel darstellen. Sie habe sich sogar schon Bergschuhe gekauft.

J: Warum habe sie sich Bergschuhe gekauft?

M: Er wolle mit ihr auf den Berg gehen.

J: Aber sie hasse doch wandern. Also richtiges wandern.

M: Sie wisse das. Sie hasse es. Furchtbar zu was einen Männer treiben können.

J: Wohl eher furchtbar wie verzweifelt sie offenbar sein müsse. Ihm war nie bewusst, wie schlecht es in dieser Hinsicht um sie stehe. Nähe um jeden Preis, auch wenn sie dann trotzdem erst recht wieder davon weglaufen würde. Dieses anpassen. Mühsam.

M: „Ach lass mich in Ruhe.“ Ab einem gewissen Alter sei man einfach nicht mehr beziehungsfähig. Man könne sich zwar perfekt verstellen und eine Rolle annehmen aber verlerne, man selbst zu sein. Naja, vielleicht habe es auch nichts mit dem Alter zu tun, sondern mit dem Erfahrungsstand.

Martina zieht plötzlich ihre Jacke aus und steigt auf die Metallstange und hinüber auf die Mauer, die geradewegs vom Berg hinunter in die Stadt führt. Sie streift sich auch den Pullover über den Kopf und wirft ihn ihm entgegen. So steht sie da und breitet ihre Arme aus.

M: Wie es sich wohl anfühle ein Geist zu sein? Als Geist wäre man absolut man selbst. Wäre eins mit seinem Umfeld. Kein Geschlecht, Haut oder Haarfarbe. Keine gesellschaftlichen Konventionen, die es anderen Leuten vereinfachen könnten einen in Schubladen zu stecken. Muster in das eigene Verhalten hineinzuinterpretieren, die so gar nie gemeint waren, von denen man sich aber nicht befreien könne. Außer man wäre ein Geist.

Johannes muss lächeln. Sie hat es geschafft. Sie hat ihn überrascht. Er begreift, dass er sich auch getäuscht hatte. In so vielerlei Hinsicht.

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