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Worttrennung: le|sen

Beispiele:

Paul nimmt etwas einzeln und sorgfältig ab.

Paul nimmt etwas einzeln und sorgfältig auf.

Paul nimmt einzeln und sorgfältig die Wörter in die Hand und sondert dabei Schlechtes aus.

Wolken. Sonne. Blatt. Baum. Baumrinde. Bemooste Baumrinde. Kies. Paul wandert mit seinen kleinen Füßen durch die zu großen Schuhe und sucht sich seinen Weg die steile Straße hinauf Richtung Kirche über den unbefestigten Weg. Und benennt alles. Wie er es immer macht, wenn er alleine ist. Für sich. Leise vor sich hin murmelnd. Immer auf der Hut. Sonst setzt es vielleicht etwas vom Vater, wenn der die Wörter hört. All diese Wörter, die der Bub im Kopf hat. Die er zuordnen will. Dinge benennen. Das lässt ihn die Feldarbeit, die Schule, die Geschwister und seine Wege in den viel zu großen Schuhen überwinden. Dem alten Nachbarn der Tante auf der Bank unter dem Marillenbaum ist das aber egal. Der hört ohnehin nichts mehr, denkt sich der Paul. Und selbst wenn, schläft der die halbe Zeit. Da kann man sich etwas mehr trauen. Etwas lauter benennen. Das hat der Paul irgendwie im Gefühl. Das Gefühl, das mit jedem Ding, dessen Name er findet, stärker wird. Eine Welt erschafft, die man fassen kann. Die real wird, durch die Namen der Dinge. Durch die Geschichten. All die Geschichten, die sich hinter den faulenden Zähnen der Menschen im Dorf verstecken. Hinter Rosenkränzen und Floskeln. Er will sie hören. Er will sie sehen. Um sich herum. Die schönen, die schlechten – alles, was ihm durch den Kopf geht, während er den vielen scheinbar belanglosen Dingen nachgeht. Und der alte Mann unter dem Marillenbaum sieht den Jungen. Und er versteckt ein Buch für ihn. Ein Buch, das er eigentlich seinem Enkel schenken wollte. Der hat aber nur die Tiere und die Bäume im Sinn. Alles, was sich bewegt, wächst – was lebt. In der Wirklichkeit. Für den Paul lebt aber alles. Der hat seine eigene Wirklichkeit. Deswegen musste er auch nicht lange nach dem Buch suchen, das der alte Mann versteckt hatte. Es konnte nur er finden. Weil nur er mit einem offenen Blick die Straße auf und ab ging. Und nur er die Äpfel der Großmutter nebenan, die selbst keine Äpfel mehr erntete, ausliest. Die guten für die alte Dame, die schlechten für die Schweine. Und da, zwischen den vielen gelbbraunen Äpfeln lag es. Das Buch mit allen Wörtern drin.

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