eckig bunt

Endlich hat er sich aus der Wohnung schleichen können. Seine Frau im Badezimmer, das kann dauern. Da geht sich ein gepflegter Kaffee und der ein oder andere Artikel in der Zeitung aus. Er lässt sich selig auf die weiche Ledercoach im Café fallen, die versteckt im oberen Stock in der linken Ecke steht. Man muss sie kennen, ansonsten würde man sie unmöglich finden. Nicht weit entfernt von ihm sitzt ein älteres Pärchen. Direkt vorne am Geländer, von wo aus man einen guten Überblick über die gesamte Lokalität hat. Wie zwei Teenager sitzen sie da. Vermutlich zwei Kurschatten, denkt er sich. So wie die sich gegenseitig anlächeln. Vor allem, dass er noch so lächeln kann. Die redet ja ununterbrochen.

Ach Franz, so schön, wie sich die Sonnenstrahlen im Fenster brechen! Da werden die Haare des Mädchens unten, das direkt neben dem tiefroten Vorhang, der sich in einem Halbkreis vor dem Eingang wölbt, gleich noch goldener. Da sitzt sie, mit dem Rücken zum Vorhang und dem Blick aus dem Fenster. Und das sind echte blonde Haare sag ich dir! Nur echte blonde Haare können das Licht auf diese Weise spiegeln, ohne dabei wie eine schlecht geweißelte Altbauwohnungsdecke bei zwei alten Rauchern daheim zu wirken. Aber alles andere an ihr wirkt nicht ganz so echt. Der Laptop, auf den sie energisch eindrischt – hörst du das Franz? Das ist nicht mehr nur ein Hämmern. Das ist Lärmbelästigung. Dass diese neuen Geräte überhaupt noch so laut sein können – hätte ich nicht für möglich gehalten, Franz. Also wirklich nicht. Ganz bleich ist das Mädchen. Vielleicht aber auch nur, weil man gar keine Hautfarbe mehr erkennen kann bei so viel rot auf den Lippen und schwarz um die Augen. Und den Blick gesenkt auf den Bildschirm. Ist ja auch ein ganz kleines Gerät. Nicht so, wie unser alter Fernseher, den wir in den 70ern gekauft haben. Den hätte man bestimmt nicht einfach so mit in das Café nehmen können! Und erst dieses Handy, dass neben dem Laptop liegt. Und, als Dekoration, das Notizbuch. Als sie vorhin telefoniert hatte, hat sie es benutzt, um etwas zu kritzeln. Hat aber nicht nach Wörtern ausgesehen. Das war einfach Gekritzeltes. Wie bei unserer Ablage unter

dem alten Drehtelefon. Weißt du noch Franz? Damals hast du immer die Hand mit einem Kugelschreiber darin in dieses Regalfach unter dem Telefon gelegt beim Telefonieren, und mir, ohne hinzusehen Nachrichten geschrieben! Unglaublich … nicht lesen konnte man das! Vermutlich hat sie schon an die 100 solcher Büchlein daheim, vollgekritzelt und spekuliert damit, die irgendwann mal ganz teuer verkauft werden können, sobald sie ihren Durchbruch hatte. Schließlich ist sie ganz was Besonderes. Aber irgendwie fehlt ihr die Leichtigkeit. Sie sieht irgendwie traurig, wütend und besorgt zugleich drein. Oder vielleicht ist sie einfach nur müde. Warum sich die Jungen immer so die Nächte um die Ohren schlagen müssen, habe ich schon als Mädchen nicht verstanden … Franz – ich glaube wir finden Beachtung. Der Mann hinten auf der alten Ledercoach hätte glaube ich gerne seine Ruhe beim Zeitunglesen. So tiefe Falten – und die Tränensäcke hängen ihm bis zum Bierbauch. Und am Doppelkinn hat er auch schon mehr Haare als auf dem Kopf. Der scheint nicht viel Freude mehr am Leben zu haben sag ich dir Franz. Tun wir ihm doch den Gefallen und lassen ihm den Balkon für sich. Er scheint es nötig zu haben. Magst du deinen Kaffee austrinken, dann gehen wir noch etwas in den Park spazieren. Den, der gegenüber der Straßenbahnstation vor unserem Haus liegt. Mit der kleinen Steinmauer. Die haben sie doch tatsächlich nicht weggerissen, als sie die Straße saniert haben den vergangenen Sommer! Diese kleine Steinmauer. Mit den Steinen, die sich in der Sonne so herrlich aufheizen. Wenn sie heute auch warm werden, können wir uns kurz auf die Mauer setzen, ja, Franz? Das machen wir so. Das Geld lassen wir der Kellnerin einfach da liegen. Nein, hab es schon ausgezählt. Vergiss nur dein Käppchen auf dem Stuhl rechts von dir nicht und den Stock, der daneben am Geländer lehnt!

Sie drückt ihren Rücken gegen die alte Sitzbank des Café und lässt sich kurz die Sonne in ihr Gesicht scheinen. Endlich muss sie ihren Mitbewohner jetzt mal für ein paar Stunden nicht mehr ertragen. Er ist so mühsam, wenn er sich schon in aller Frühe einraucht und mit tiefroten Augen vor sich hin grinst und dann alles auffrisst, was zu finden ist.

Ohne das Zeug nachzukaufen. Sie muss sich echt eine Neue WG suchen. Das geht so nicht mehr. Sie könnte sich ein mindestens 100 Euro teureres Zimmer leisten, bei dem was er ihr alles an Klopapier, Essen und sonstigem Zeug wegschnorrt. Aber es gibt echt nicht viel Auswahl. Naja – es kann ja schnell gehen. Ach wie lieb! Das alte Ehepaar, das da gerade die Stiege herunterkommt! Er mit seinem Käppchen und der Sonnenbrille. Und dieses Strahlen! Da sag einer im Alter gibt es keinen Frühling mehr. Und das Parfüm. Da muss sie doch glatt die Augen kurz schließen und in den Raum schnuppern, als die beiden Leute hinter ihr das Lokal verlassen. Und die Dame weiß nicht nur mit ihrem Geruch auf sich aufmerksam zu machen. Stimmvolumen hat sie sich offensichtlich auch im Laufe der Jahre angeeignet. „Eckig bunt, Franz! Die Sonne! Sie ist so hell! Wenn man hineinschaut wird alles eckig bunt! So wie, wenn man sich den Kopf wo anhaut!“, hört sie die alte Dame durch die halboffene Türe des Café auflachen und die beiden umarmen ihre Bäuche und ringen leicht nach vorne gebeugt verzweifelt nach Luft, bis ihnen die Augen tränen. Als sie sich wieder halbwegs eingekriegt haben, greift er vorsichtig nach der Hand der alten Dame und fährt seinen Stock aus, der ihm offensichtlich den Weg weist.

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