Denn die Tauben schlafen nicht

Vier Minuten. Vorbeiziehende armlange Lampen im Meterabstand. Nach jeder fünften eine beleuchtete Werbetafel. Für Antibiotika, Babywindeln und die aktuellste Telenovela. Vier Minuten vollkommener Stille durch das hohe Gewölbe Richtung Oberfläche. Aus der Ruhe der Menschen, die ihn umgeben hinaus auf die geschäftigen Straßen der Großstadt im Norden. Vom gemächlichen vor sich hin Rütteln der Rolltreppe hinaus auf den Asphalt, über den er sich selbst weitertragen wird muss. Vier Minuten.

Er blickt auf seine Uhr. Die Zeiger machen langsam aber stetig ihre Runden. Es ist noch nicht so spät. Er muss sich nicht beeilen. Die Rolltreppe beginnt sich langsam abzuflachen und die Sonne scheint durch die zerkratzen Plastiktüren am Eingang. Es ist noch nicht zu spät.

Auf dem Platz vor der Metro Station angekommen wankt er sonnentrunken zwischen all den Menschen nach rechts. Vorbei an Fastfood Läden und Blumengeschäften. Dort ist seine Straße. Die Autobahn für die Fußgänger, die durch einen ebenso breiten Streifen Grünfläche von der Straße getrennt ist. Getrennt durch die Grünfläche. Und einen Baum. Alle drei Meter. Er schafft es die Kreuzung zu überqueren. Er hat nicht auf die Ampel geachtet. Ein Kleinbus hupt ihn an. Er reagiert nicht. Am Ende der Kreuzung sitzt ein alter Bekannter. Er sitzt auf der Bank und hat links von sich Heidelbeeren und Pilze aufgebreitet. Seine Hände sind blau verfärbt und unter den Nägeln findet sich Schmutz. Oder einfach Erde. Er bemerkt den Blick seines Bekannten und hebt den Kopf. Zwei Augen strahlen ihn an. Von dort unten auf der Bank. Zwei junge Augen, die ihr Leben lang warten mussten. Warten auf Erlaubnisse etwas zu tun. Warten auf eine Frau, die dann gekommen ist. Warten darauf nicht mehr arbeiten zu müssen, um dann Gemüse anzubauen. Die magere Pension etwas aufzubessern. Obwohl er doch bestimmt soviel gesehen haben muss und so viel zu erzählen hätte. Oder vielleicht hat er nur das gesehen, was er auch sehen wollte. So wie er sich über sein Lächeln erfreuen kann und die hundert anderen starren Blicke einfach an sich vorbei ziehen lässt. Ein Überlebenskünstler. Er drückt ihm die Hand. Er will Platz machen auf seiner Bank. Doch er zeigt auf die Uhr. Er muss weiter. Die jungen Augen zwinkern verständnisvoll. Zwanzig Minuten. Er muss die zwanzig Minuten einplanen. Die Zeiger auf seiner Uhr wandern und seine Beine mit ihnen. Die lange Allee entlang.

Er hat die Hälfte des Weges hinter sich gebracht und hält seinen Blick zu Boden gerichtet. Er darf nichts übersehen. Keinen Stein, keinen Ast. Ein Mädchen kommt ihm mit einem Fahrrad entgegen klingelt und flucht ihn an. Es biegt ab Richtung Hauptstraße und ein von links kommendes Auto macht es ihr gleich. Er braucht eine Bank. Eine Bank, um sich zu setzen. Er nimmt sich die braune Mütze vom Kopf und wischt sich die Schweißtropfen von der Stirn. Sie scheint immer noch, die Sonne. Wenn auch bereits mit gesenktem Blick. Aber sie steht noch am Himmel. Ist noch Sommer oder schon bald Winter? Er ist sich nicht sicher. Doch seine Uhr gibt ihm Recht. Er hat noch Zeit. Er kann sich eine Pause gönnen. Sein Kopf dreht sich von links nach rechts. Wie endlos die Straße von der Mitte aus wirkt. Eine endlose Allee. Da machen plötzlich auch die hochhackigen Schuhe der Frauen Sinn, die an ihm vorbeiziehen. So sehen sie weiter. Können die Kinder, die sie an ihren Händen hinter sich herziehen frühzeitig ermahnen zur Seite zu gehen, wenn ein Hindernis auf sie zukommt. Der kleine Junge mit seiner gestrickten blauen Mütze bis über die Augenbrauen gezogen bemerkt sie zuerst. Wie sie bewegungslos dasitzen. Die Tauben rechts neben seiner Bank. Bewegungslos sitzen sie da und machen sich fertig für ihre verdiente Nachtruhe. Denn ihnen ist es egal ob Winter oder Sommer. Ob Sonne oder Mond. Denn die Tauben schlafen nicht, wenn es nicht Nacht wird. Seine langen schmalen Hände legen sich vor sein Gesicht und streifen die Müdigkeit aus seinen Falten. Es wird Zeit.

Zwanzig Minuten für zwanzig Schnaps. Damit sie Bescheid weiß. Dort hinten, hinter der Eingangstür. Wo der Tee dampft. Mit ihrem Blick bereits auf ihn gerichtet. Damit sie keine Fragen stellen muss. Jede halbe Stunde der zweiten Hälfte seines Arbeitstages einen. Er steht vor der Eingangstür. Zwanzig Minuten lang für zwanzig Schnaps.

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