entschieden

Die Türe klemmt. Sie kann sie kaum öffnen. Ein kleiner Spalt. Nur noch einmal kurz alle Kraft zusammennehmen. Sie schließt die Augen, lässt ihren Kopf auf die Brust sinken, holt einmal tief Luft und versetzt der Tür mit der linken Handfläche einen letzten bestimmenden Stoß. Sie öffnet sich und das plötzliche Sonnenlicht schmerzt ihren Augen. Doch sie kann sie ohnehin nicht öffnen. Die frische Brise wandert direkt über ihre Nase in ihre Lungenflügel und lässt sie lächeln. Nichts Abgestandenes. Nichts Verstaubtes, nach all den Regentagen. Sie hebt sich über den kleinen Absatz, der sie noch von der Aussicht des Balkons trennt. Von den kleinen Gärten, die umrundet von Hochhäusern wie Miniaturen dort unten liegen und die Kinder in Mitten der Grünflächen wie Ameisen wirken lassen. Ob die Kinder dieser Kleinen auch hier, zwischen den vier grauen Ungetümen spielen werden? Zitternd greift sie in ihren Morgenmantel und zieht ein kleines, weißes Päckchen mit Aufschrift heraus. Wie sehr sie auf diesen Moment gewartet hatte.

Sie blickt auf das weiße Päckchen und sitzt wieder mit Gavin auf der Couch in der Wohnung. Er hat sie auf einen Kaffee eingeladen, nachdem sie sich bereits des Öfteren getroffen hatten. Allerdings nur mit Freunden. Endlich waren sie allein. Er streicht ihr durch das Haar. Er will sie küssen. Doch sie wehrt ab.

Wolle er ernsthaft wissen warum. Wolle er wirklich alles wissen, was sich in ihrem Kopf abspielt, während er versucht sie zu küssen? Sie denke daran, wie sehr es ihr gefallen würde. Wie sehr sie seine Berührung genießen, wie sehr sie sich in ihm verlieren würde. Er wird aber in einem halben Jahr gehen. Und zwar nicht irgendwo hin. Nein, an das andere Ende der Welt. Und sie würde ihn vermissen. Und alles, was sie zukünftig fühlen würde, würde wieder etwas dumpfer sein, wie das letzte Mal. Vielleicht ist genau dieses eine Mal, dieses eine Mal mit ihm dann aber das eine Mal zu viel. Das eine Mal, dass das Fass zum Überlaufen bringen würde. Deswegen bitte sie ihn, bitte sie ihn inständig sie nicht zu küssen.

Dann solle sie doch einfach mitkommen. Mitkommen, an das andere Ende der Welt.

Er lächelt sie an. Streift mit seinem Daumen zart, aber doch bestimmt über ihren Rücken. Seine Locken kitzeln an ihrem Hals und sie weiß, dass er sie bald küssen wird. Sie wird ihn auch küssen wollen. Sie wird ihm alles geben wollen. Und sie wird es tun.

Er würde Jahre später zu Besuch kommen. Nachdem er sie nicht mehr sehen wollte. Mit ihr nicht mehr die Wohnung teilen wollte. Es wäre ihm einfach zu viel, würde er sagen. Es tue ihm Leid. Aber er würde sie unterstützen. Sie wäre auf jeden Fall abgesichert. Sie würde nicken. Verständnisvoll. Wie immer. Sie würde nicken, ihre Hand über ihren Bauch halten und die Wohnung verlassen. Das Gebäude. Das Land, am anderen Ende der Welt.

Er würde später zu Besuch kommen und mir ihr spazieren gehen. Sie würde ein Kind um ihren Oberkörper tragen, das immer einschläft beim Spazieren durch den Wald. Besonders dann, wenn die Mutter nicht nur gemächlich vor sich hin flaniert, sondern dazu auch noch spricht. Denn sie spricht immer ruhig. Ohne Aufregung. Weil immer alles gut werden würde. Sie würden so vor sich hin spazieren. Und er würde erzählen, was sich bei ihm getan habe die letzten Jahre. Und ob sie auskommen würde mit allem. Ob er noch mehr tun könne. Und ob sie sich vorstellen könne, wieder näher bei ihm sein zu wollen. Denn er würde jetzt da sein wollen. Für sie. Für das Kind.

Es würde kein uns geben. Er habe sie von ihm gestoßen. Obwohl er es wusste. Also könne es mit heute kein uns mehr geben. Also gäbe es damit auch kein gemeinsames Kind. Diese Tochter, sei auch nicht seine Tochter. Er habe sie nur gezeugt. Sei den Bruchteil einer Sekunde von Bedeutung gewesen. Doch er habe sich jegliches Recht genommen von seinem Kind zu sprechen. Sie sei ihre Tochter. Und sie werde den Teufel tun, es ihm leichter zu machen für sie da zu sein. Noch einmal alles hinter sich lassen. Nur im naiven Glauben, dass es vielleicht dieses Mal anders werden könne. Nein. Sie mache Fehler für gewöhnlich nicht gern zweimal. Vor allem, weil es nicht mehr nur um sie gehe. Sondern auch um ihre Tochter. Und wenn er ihrer Tochter ein Vater werden wolle, dann müsse schon er zu ihr.

Seine dunkelgrünen Augen würden versuchen innig etwas zu finden. Etwas, das ihn hoffen lassen könnte.

Er könne nicht einfach so weg von dort.

Warum nicht? Sie konnte es doch auch. Sie musste es können.

Sie würde aufstehen. Von der Bank, mit dem Ausblick auf die grünen Wiesen. Unter dem Walnussbaum, der dort schon immer gestanden hatte. Vom Schatten in die Sonne würde sie gehen. Unter ihren Sandalen das weiche Gras. Auf ihrer Brust ihre schlafende Tochter. Und sie würde wissen, dass sie ihn nie mehr wiedersehen würde.

Sie nimmt eine Zigarette aus der Schachtel und Johannes gibt ihr Feuer. Sie sei eigentlich nicht sein Typ. Er stehe mehr auf fülligere Frauen. Das gestand er ihr ziemlich schnell, damit es zu keinen Missverständnissen kommen würde. Und das ist es auch nicht. Schließlich wohnen sie ja zusammen. Er war die letzten Monate ihr ständiger Begleiter. Hat nie viel geredet und war einfach da. Immer ruhig und ausgeglichen. Bis auf den einen Morgen, als sie ihn wecken wollte und er hysterisch aufschreckte und sie bei der Tür rausjagte, weil er sich sonst vergessen würde. So reagiert er also, wenn er krank ist, hat sie sich einfach nur gedacht. Und wieder ein Puzzlestück mehr, das ihr helfen würde ihn zu verstehen.

Ja, es ist wirklich lange zu keinen Missverständnissen gekommen. Bis sie eines abends dann doch noch die zweite Flasche Wein geöffnet hatten. Und eine dritte. Die eine gute, aus Vaters Weinkeller. Und bis in die frühen Morgenstunden geredet hatten. Er hat seine linke Hand an ihren Hals gelegt und mit der rechten seine Brille von der Nase gehoben.

Auch wenn sie optisch nicht die überzeugendste Eroberung sei, die er jemals machen würde oder bis jetzt gemacht habe – alles andere.

Doch dafür müsse er sie doch erst einmal erobern, um so daher reden zu können.

Das würde er auch tun. Und sie würde zu ihm gehen. Zum Gasthaus der Eltern. Und sie würde auf der hölzernen Rundbank um den großen Lindenbaum sitzen, der mitten im Gastgarten Schatten spendet. Sie würde mit dem Rücken auf der Bank liegen und mit dem Kopf in seinem Schoß. Die Sonne würde sie blenden und ihr goldenes Haar ihn. Er würde ihren großen runden Bauch liebkosen und sie überglücklich anstrahlen, weil er alles Glück gefunden hätte. Alles, würde sich für ihn erfüllt haben.

Sie würden nicht lange diesen Moment der Zweisamkeit genießen können. Die Arbeit würde in der Küche warten. Eine Geburtstagsgesellschaft am Nachmittag noch anstehen. Die beiden kleinen Töchter der Schwägerin würden ihn an seinem hochgestülpten Hemd zerren, damit er sich doch endlich bewegen möge. Sie würde sich keinen besseren Ort vorstellen können, um ihre Kinder großzuziehen. Keinen besseren Ort als diese kleine, in sich geschlossene Welt. Er werde auch immer für sie da sein. Ohne Zweifel. Er wird sie immer wertschätzen. Dafür würde sie ihn lieben lernen. Und ihre Kinder würde sie auch lieben. Und sie würde glücklich sein.

Wo Sebastian wohl schon wieder steckt. Sie kommt nach Hause und als ihre Schlüssel auf der Glasfläche des Küchentisches landen, erschrickt geradezu das gesamte Gebäude ob dem plötzlichen Leben, das sich rührt. Die Tasche landet wie immer auf der Ledercouch und sie durchschreitet den lichtüberfluteten Raum des Wohnzimmers und öffnet die Türe in den Garten. In den großen, perfekt gemähten Garten, an dessen Ende der See gemächlich vor sich hin schwappt. Und natürlich das Bootshaus. Sein ein und alles. Sie betritt den Rasen und streift während des Gehens ihre Sandalen ab. Die Holztür neben dem Steg, der umrahmt von Schilf zur linken und dem Bootshaus zur rechten Seite direkt zum Wasser führt, steht offen. Weit offen. Und sie hört ihn darin arbeiten. Mit einer Zange oder einem Hammer oder was auch immer. Er liegt auf jeden Fall mit dem Oberkörper komplett versteckt unter dem vorderen Teil seines Bootes. Er bemerkt nicht, dass sie den Raum betritt.

Genau wie damals. Als sie in die Bar gekommen war. Er bemerkte sie zunächst nicht. Sie begann, obwohl es gar nicht ihre Art war, zu tanzen. Es brauchte nicht lange, um seinen Blick nicht mehr von ihr lassen zu können. Es war ihm nicht mehr möglich. Und er kam zu ihr und zog sie an sich. Drückte ihren Kopf zart in die Wölbung zwischen seinem Hals und seiner Schulter. Seine linke Hand ruhte auf ihrem Hinterkopf und die rechte Hand wanderte ganz aufgelegt ihren Rücken auf und ab und auf und ab.

Er bestellte für sie beide ein Getränk.

Was wäre denn ihr Traum? Was wäre ihre Vorstellung von einem erfüllten Leben?

Das wisse sie nicht. Sie lasse es auf sich zukommen. Habe er etwa konkrete Vorstellungen?

Ja. Ein Haus am See, das er in der Pension, wenn die Kinder entflohen sein würden endlich mit seiner wunderschönen Frau für sich haben könnte.

Das mit dem Haus hätten sie also geschafft. Nur die Kinder. Die Kinder werden nicht kommen. Und sie wird sie riechen. Die andere. Auch wenn er die Spuren jedes Mal versuchen wird mit Motoröl zu verwischen. Sie wird ihn fragen warum. Er wird nur erwidern, dass er ja sie geheiratet habe. Dass sie alles haben könne, was sie sich wünsche. Sie wird zu Boden blicken. Und sie wird gehen.

Sie zieht an ihrer Zigarette. Heiße Asche fällt auf ihre Hausschuhe. Obwohl sie es genau gewusst hatte. Sie hatte sich für ihn entschieden. Sie hatte sich für ihn entschieden, als er sie küsste, auf dem Fensterbrett, weit über der Stadt. Zunächst auf ihre Lippen. Dann ihren Hals und dann sie vorsichtig nach hinten herabließ, auf das noch warme Metall des kleinen Vordaches, damit sie die Sterne betrachten konnte während sie sich liebten.

Mit einem langen Zug lässt sie die Zigarette zwischen ihren Fingern ein letztes Mal aufflammen und lehnt sich an das Geländer des Balkons. Aber er ist nicht mehr hier. Niemand mehr von damals ist hier. Sie hat ihn sich anders vorgestellt. Ihren letzten Zug. Hat offensichtlich bereits vergessen, wie es war. Wie schön es war und wie schön und stolz sie sich gefühlt hatte mit diesem Leuchtstängel zwischen ihren Lippen. Und wie geheimnisvoll sich ihre Augen für ein paar Sekunden hinter dem Rauch verstecken konnten, um den suchenden Blicken mit ihrer ganzen Ausdruckskraft entgegen zu halten. Aber Kraft ist rar geworden in letzter Zeit.

So steht sie da. Mit dem Handballen am Geländer und der linken Hand die Metallstange ihres ständigen Begleiters umschließend. Der ihr Energie und Halt geben sollte. Sie lehnt sich nach vorn und blickt die vielen Stockwerke in die Tiefe. Sie kann den Zigarettenstummel zwischen ihren Fingern nicht mehr halten und er beginnt zu fallen und sie blickt ihm nach. Etwas zu weit lehnt sie sich nach vorn und ein Windzug streift ihr sanft das bunte Tuch von ihrem Kopf, das ihr Neffe ihr liebevoll bemalt hatte. Aus Seide. Mit Giraffen und ihren quadratischen braunen Punkten. Es fällt langsamer als die Zigarette und tanzt im Wind. Es wird nicht wehtun. Sagt sie sich. So wie damals, als sie einfach nur erleichtert war, dass sie es hinter sich gebracht hatte. Sie hatte sich damals auch gegen das Leben entschieden. Es war nur ein kurzer Moment. Ein kurzer Moment, der ihr Herz auf ein Sandkorn zusammenziehen ließ, bei dem Gedanken es einfach so gehen zu lassen. Es würde jetzt auch so sein. Mit einer geübten Beugung des Handgelenkes zieht sie die Nadel aus ihrem Arm, schließt ihre Augen und beginnt zu tanzen. Zu tanzen im Wind.

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